Der Friedhof ist nicht nur Gottesacker und Trauerstätte, sondern auch ein Ort der Begegnung. Das zeigt sich besonders auf dem Kirchhof im Bremer Stadtteil Arsten, wo Hinterbliebene Gelegenheit zum Gespräch finden.

Der Friedhof in Bremen Arsten ist ein Treffpunkt für Ältere

BREMEN Noch ist niemand zu sehen. Der richtige Moment, um die rote Bank auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen vorzubereiten. Regine Kloft-Ollesch kramt ein feuchtes Tuch hervor, wischt sorgfältig das Holz sauber, verteilt Sitzkissen und legt eine Decke parat. „Falls jemandem kalt wird“, sagt die diakonisch-pädagogische Mitarbeiterin, die in der Gemeinde unter anderem den Besuchsdienst für Ältere organisiert. Der große Friedhof, der im dörflich geprägten Stadtteil „Kirchhof“ heißt, beginnt gleich hinter der alten St.-Johannes-Kirche, die alles überragt. Trotz des herbstlichen Wetters leuchten auf den Gräbern bunte Blumen, oft flitzen Eichhörnchen durch die Baumkronen über der Bank, die mit einem kleinen Dach Schutz vor Regen bietet. Im zweiten Jahr lädt Kloft-Ollesch hier immer mittwochs zum „Kirchhof- Klöönsnack“ ein, zum spontanen Gespräch über Gott und die Welt.

Der Friedhof in Bremen-Arsten ist nicht nur ein Ort der Trauer, hier treffen sich Menschen.

Ein Angebot, das sich vor allem an Ältere wendet, die ohnehin oft auf dem Friedhof sind. „Ich dachte mir, es wäre gut, wenn es für sie im Stadtteil einen Treffpunkt gibt, wo sie reden können“, sagt Kloft-Ollesch. „Und da bietet sich der Kirchhof an, der auch mit dem Rollator gut zu erreichen ist.“ Normalerweise ist viel Betrieb. Doch heute lassen die Gäste auf sich warten. Kein Wunder, regnet es doch mittlerweile Bindfäden. Doch da kommt Ingrid Adloff auf die Bank zu, die sich seit mehr als 30 Jahren ehrenamtlich im Besuchskreis der Gemeinde engagiert. „In den
Corona-Monaten, in denen wir nicht mehr in die Häuser kamen, war der Treffpunkt besonders wichtig“, ist die 83-Jährige überzeugt. Es gehe darum, etwas gegen die Einsamkeit zu tun: „Das Wichtigste ist, dass man einen Gesprächspartner hat.“

„Man kann alles sagen, was man will, was einen bedrückt oder beglückt“, bekräftigt Kloft-Ollesch. Sie ist mit Ruhe und Freundlichkeit ganz Ohr, wenn jemand sein Herz ausschütten möchte. Im Zuhören sieht sie ihre wichtigste Aufgabe, ganz ähnlich wie der Reformator Martin Luther, der gesagt haben soll: „Der Mensch hat zwei Ohren und einen Mund.
Deshalb sollten wir doppelt so viel zuhören wie sprechen.“

Zuhören, Zwischentöne wahrnehmen, sich selbst zurücknehmen, das will gelernt sein - so viel wird im Gespräch mit der Initiatorin des Treffpunktes schnell deutlich. Und so kann es sein, dass ihr Gäste auf der roten Bank Geschichten anvertrauen von Dingen, die schiefgegangen sind im Leben, die ihnen schon lange auf der Seele brennen: an einem Ort, der Tod und Leben zusammenbringt. „Ich bin dankbar für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird“, sagt die Religionswissenschaftlerin. Und es sind diese vertrauensvollen Gespräche, die aus dem Friedhof an der St.-Johannes-Kirche mehr machen als eine letzte Ruhestätte und ein Ort der Trauerbewältigung. „In der Begegnung mit anderen ist der Kirchhof gleichzeitig Erholungs- und Lebensraum, der Halt gibt“, findet Kloft-Ollesch. epd